Archive | Oktober 2005

Die Gute Idee der Woche

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Ein Ausflug ins Baggerland Herzfelde bei Berlin.
Mir war bis heute nicht bewußt, daß Baggerfahren im Berliner Umland gewissermaßen zum Breitensport und einer tolle Geschenkidee für Jung und Alt avanciert ist, aber genau so scheint es zu sein.
Zumindest, wenn man denn den Aussagen des Baggerinstructors glauben darf, der uns von dem älteren Herrn erzählte, der mutterseelenallein, aber hochmotiviert zu seiner Baggerstunde antrat (Ein Geschenk von seiner Tochter, als Fortsetzung einer abenteuerlichen Geburtstagsgeschenkreihe. Go-Kart fahren war er auch schon. Vermutlich ist er sehr reich. Was kommt als nächstes? Bungee? -‚Oh, hallo Papa. Du bist … wieder ZURÜCK‘)
Man braucht nur ein bißchen Feinmotorik (die Schaufel zu koordinieren ist sicher nicht einfacher als Playstation zu spielen) und Mut zum Risiko (‚So, und jetzt fahren wir da vorne durch das Loch und dann rechts‘ – ‚LOCH?‘), aber das wird reichlich belohnt: Man kann endlich auch in einem Alter im zweistelligen Ziffernbereich noch mal ungestraft im Dreck buddeln und Sätze sagen wie ‚Mein Haufen ist aber größer als deiner‘.
Und das Tollste ist: am Ende hat man dann sogar noch richtig was eigenes: ein Baggerdiplom.

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Die Schlechte Idee der Woche

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Samstagnachmittags auf dem Kurfürstendamm einkaufen zu gehen.
Ich frag mich, wie das eigentlich alle anderen berufstätigen Menschen so machen? Kaufen die ihre Klamotten bei Zara online?
Außer mir waren jedenfalls heute nur Touristen, Rentner und Teenies dort unterwegs, darauf wette ich nen Kasten Bier.

Berlinomat Revisited

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Für die cooleren unter den Lafayette-Kundinnen hat sich seit letztem Donnerstag eine ganz neue Galaxie aufgetan: Die 4. Etage des großen französischen Kaufhauses in der Friedrichstraße, ehemals Bürofläche, bietet jetzt auf über 300 qm hippe Mode für junge Berlinerinnen.
Berlinomat, die Plattform für Berliner Design, ist dort natürlich auch vertreten. Zusätzlich zu dem Flagship Store in der Frankfurter Allee präsentiert sich Berlinomat in den Galeries Lafayette nun auf knapp 40 qm mit neuem Gesicht.
Ein kristallines Faltgebilde legt sich wie ein Parasit in und um den vorhandenen Raum und bildet eine komplexe Struktur, deren Formen sich aus den Fluchtlinien und Sichtachsen entwickeln. Mit den roten Kanten und der schnittmusterhaften Formensprache spiegeln sämtliche Stilelemente die Dynamik und Innovationsfreude der Berliner Modeszene wider.
Add-On-Produkte, wie magnetische Nuggets, spezielle Kleiderbügel und Ansteckvasen aus rotem Corian runden das Shopdesign ab. Die Gestaltung der Berlinomat-Fläche stammt von dem Berliner Innenarchitekturbüro Coordination.

In Love With Rock And Roll

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Das Konzert ist schon eine Weile her, aber dennoch sei noch einmal wohlwollend darauf hingewiesen.
Damals wars, während der Popkomm:
Art Brut haben Berlin bewiesen, daß der einzige deutsche Satz, den sie kennen, auch wirklich stimmt: ‚Punkrock ist nicht tot‘.

Donnerstag abend, vorm Roten Salon:
Ich als Kartenbesitzer bin in der absoluten Minderheit, wie es scheint, denn vor dem Eingang tummeln sich schätzungsweise siebzig Leute, die alle verzweifelt auf der Suche nach Eintrittskarten sind und auch nicht davor zurückschrecken, an den Tourbus zu klopfen, um bei der Band Gästelistenplätze zu schnorren. Eine Gruppe Londoner Fans zeigt dabei besonders kreative Überredungskünste: ‚Come on, it’s my birthday today…‘ und ‚We formed a band, too!‘
Nichts zu machen. Angesichts einer Gästelistenlänge von 400 Personen, wo doch tatsächlich nur 250 davon tatsächlich auf Einlaß hoffen können, muß auch der Sänger (der übrigens mit seinem grauen Jägerhütchen ein wenig an Basil Fawlty erinnert) hier entschuldigend abwiegeln.

Was solls, ich freue mich also im Stillen, daß ich dieses eine Mal tatsächlich Wochen im Voraus eine Karte gekauft habe und gehe an den halb resignierten, halb hoffenden Gesichtern vorbei.

Das Publikum im Roten Salon besteht (wohl aus Popkomm-Gründen) aus einer Mischung von 70% Musikjournalisten, 20% Mädchen, die ein wenig angestrengt versuchen, ihre Plätze in den ersten Reihen schon von Anfang an zu verteidigen, wohl um später in Ruhe mit dem Kopf zu nicken und wahlweise den Sänger oder den neuen Gitarristen anzuschmachten. Die restlichen 10% werden ihnen diesen Plan allerdings im Laufe des Abends zunichte machen, durch wildes Rumgehüpfe und -getanze, wie sich das schließlich für echten Rock and Roll gehört.

Als zwei Mittvierziger auf die Bühne treten und Gitarren schultern, kommt Bewegung ins Publikum: das werden wohl die Roadies sein, die den Soundcheck machen, gleich gehts los. Wird auch langsam Zeit.
Mit Verwunderung stelle ich fest, daß Art Brut dies anscheinend anders sehen. Zumindest steht der Sänger direkt neben mir und schaut wie alle Anderen Richtung Bühne.
Auf meine vorsichtige Frage ‚Aren’t you supposed to be ON the stage?‘ erklärt er nach einer kleinen Schrecksekunde (‚Was?? Schon so spät?‘) sympathischerweise mit hörbarem Stolz, die beiden Jungs auf der Bühne seien die Vorband ‚Idou‚, Freunde aus London, er habe sie selber noch nie live gehört, und sie seien sehr cool (‚Jaa, der rechte von den Beiden, der war mal ein Teil von Carter USM!‘)

Idou haben statt einer Band einen kleinen weißen Begleiter mit abgerundeten Ecken mitgebracht und spielen ein Shuffle-Konzert, bei dem sie selber nicht wissen, welches der nächste Song ist, und genausowenig, welches der letzte sein wird. Nach einer halbstündigen Performance inclusive einer Coverversion von Billy Idol’s White Wedding endet die Vorband dann also leider auch sehr abrupt (‚Oh. Das wars.‘)

Es folgt eine weitere ellenlange Umbaupause, während der ein Roadie auf der Bühne lustlos das Schlagzeug testet und sich viel Zeit dabei läßt, strategisch günstig Evian-Flaschen zu verteilen (WIE LANGE kann man brauchen, um fünf Wasserflaschen zu öffnen?)

Dann betreten Art Brut die Bühne, und nach einer kurzen Vorstellung ertönt er endlich, der Satz, der während des Konzerts jedes weitere Lied einleitet: ‚Are you ready, Art Brut?‘
Und los gehts- natürlich mit ‚We formed a band‘, gefolgt von ‚My little brother‘. Spätestens bei diesem Song haben die 20%-Mädchen eingesehen, daß einfach nur Herumstehen und Mitwippen vor der Bühne nicht so gut funktioniert und verziehen sich an den linken Bühnenrand, von wo sie strafende Blicke in Richtung der tanzenden 10% um sich werfen.
Es folgt eine knappe Stunde mit viel Schweiß, viel Hüpfen, großartig witzig improvisierten Text-Variationen und sogar zwei Songs, die nicht auf dem Album zu hören sind.
Gegen Ende dieser Stunde, während der sich auch der Sänger ein paarmal die Bühne verläßt, um lieber mitzuhüpfen, sind sowohl Publikum als auch Band der Erschöpfung sichtlich nahe. So ist es irgendwie okay, als die Band die Bühne zwar ohne Zugabe verläßt, aber mit der ermunternden Weisung: ‚Go out and form a band‘.

Okay. Mach ich. So wie’s bei Art Brut aussieht, macht das großen Spaß.