In Love With Rock And Roll

artbrut2.jpg
Das Konzert ist schon eine Weile her, aber dennoch sei noch einmal wohlwollend darauf hingewiesen.
Damals wars, während der Popkomm:
Art Brut haben Berlin bewiesen, daß der einzige deutsche Satz, den sie kennen, auch wirklich stimmt: ‚Punkrock ist nicht tot‘.

Donnerstag abend, vorm Roten Salon:
Ich als Kartenbesitzer bin in der absoluten Minderheit, wie es scheint, denn vor dem Eingang tummeln sich schätzungsweise siebzig Leute, die alle verzweifelt auf der Suche nach Eintrittskarten sind und auch nicht davor zurückschrecken, an den Tourbus zu klopfen, um bei der Band Gästelistenplätze zu schnorren. Eine Gruppe Londoner Fans zeigt dabei besonders kreative Überredungskünste: ‚Come on, it’s my birthday today…‘ und ‚We formed a band, too!‘
Nichts zu machen. Angesichts einer Gästelistenlänge von 400 Personen, wo doch tatsächlich nur 250 davon tatsächlich auf Einlaß hoffen können, muß auch der Sänger (der übrigens mit seinem grauen Jägerhütchen ein wenig an Basil Fawlty erinnert) hier entschuldigend abwiegeln.

Was solls, ich freue mich also im Stillen, daß ich dieses eine Mal tatsächlich Wochen im Voraus eine Karte gekauft habe und gehe an den halb resignierten, halb hoffenden Gesichtern vorbei.

Das Publikum im Roten Salon besteht (wohl aus Popkomm-Gründen) aus einer Mischung von 70% Musikjournalisten, 20% Mädchen, die ein wenig angestrengt versuchen, ihre Plätze in den ersten Reihen schon von Anfang an zu verteidigen, wohl um später in Ruhe mit dem Kopf zu nicken und wahlweise den Sänger oder den neuen Gitarristen anzuschmachten. Die restlichen 10% werden ihnen diesen Plan allerdings im Laufe des Abends zunichte machen, durch wildes Rumgehüpfe und -getanze, wie sich das schließlich für echten Rock and Roll gehört.

Als zwei Mittvierziger auf die Bühne treten und Gitarren schultern, kommt Bewegung ins Publikum: das werden wohl die Roadies sein, die den Soundcheck machen, gleich gehts los. Wird auch langsam Zeit.
Mit Verwunderung stelle ich fest, daß Art Brut dies anscheinend anders sehen. Zumindest steht der Sänger direkt neben mir und schaut wie alle Anderen Richtung Bühne.
Auf meine vorsichtige Frage ‚Aren’t you supposed to be ON the stage?‘ erklärt er nach einer kleinen Schrecksekunde (‚Was?? Schon so spät?‘) sympathischerweise mit hörbarem Stolz, die beiden Jungs auf der Bühne seien die Vorband ‚Idou‚, Freunde aus London, er habe sie selber noch nie live gehört, und sie seien sehr cool (‚Jaa, der rechte von den Beiden, der war mal ein Teil von Carter USM!‘)

Idou haben statt einer Band einen kleinen weißen Begleiter mit abgerundeten Ecken mitgebracht und spielen ein Shuffle-Konzert, bei dem sie selber nicht wissen, welches der nächste Song ist, und genausowenig, welches der letzte sein wird. Nach einer halbstündigen Performance inclusive einer Coverversion von Billy Idol’s White Wedding endet die Vorband dann also leider auch sehr abrupt (‚Oh. Das wars.‘)

Es folgt eine weitere ellenlange Umbaupause, während der ein Roadie auf der Bühne lustlos das Schlagzeug testet und sich viel Zeit dabei läßt, strategisch günstig Evian-Flaschen zu verteilen (WIE LANGE kann man brauchen, um fünf Wasserflaschen zu öffnen?)

Dann betreten Art Brut die Bühne, und nach einer kurzen Vorstellung ertönt er endlich, der Satz, der während des Konzerts jedes weitere Lied einleitet: ‚Are you ready, Art Brut?‘
Und los gehts- natürlich mit ‚We formed a band‘, gefolgt von ‚My little brother‘. Spätestens bei diesem Song haben die 20%-Mädchen eingesehen, daß einfach nur Herumstehen und Mitwippen vor der Bühne nicht so gut funktioniert und verziehen sich an den linken Bühnenrand, von wo sie strafende Blicke in Richtung der tanzenden 10% um sich werfen.
Es folgt eine knappe Stunde mit viel Schweiß, viel Hüpfen, großartig witzig improvisierten Text-Variationen und sogar zwei Songs, die nicht auf dem Album zu hören sind.
Gegen Ende dieser Stunde, während der sich auch der Sänger ein paarmal die Bühne verläßt, um lieber mitzuhüpfen, sind sowohl Publikum als auch Band der Erschöpfung sichtlich nahe. So ist es irgendwie okay, als die Band die Bühne zwar ohne Zugabe verläßt, aber mit der ermunternden Weisung: ‚Go out and form a band‘.

Okay. Mach ich. So wie’s bei Art Brut aussieht, macht das großen Spaß.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: