Archive | März 2006

Aufräumen mit einem Mythos

Das ’neue‘ White Trash.

Neue Besen kehren gut, sagen die einen. Never change a winning team, sagen die anderen. Und Habgier macht häßlich.

Das White Trash in der Torstraße hatte sich über längere Zeit hinweg zu einer sagenumwobenen Lokalität entwickelt. Eine dieser Endstation-Bars, in denen nach Betreten die Zeit stehenbleibt. Wo man gar nicht anders kann, als bis Sonnenaufgang oder auch länger dort zu versacken. Weil immer ein neues Bier kommt, weil gelegentlich mal jemand auf den Tischen tanzt, weil es so viel zu gucken gibt: von der Beamerprojektion (ich hätte vorher nie gedacht, daß es möglich ist, das Texas Kettensägenmassaker in Repeat-Schleife anzusehen und trotzdem mit großem Appetit einen Burger zu verspeisen) über die liebevoll umhegten Goldfische (allesamt mit leichter Schräglage knapp unter der Wasseroberfläche entlangtreibend) bis hin zu dem Opi, der hinterm DJ-Pult steht und mit großem Spaß Death Metal auflegt.
Und vor allem: weil einem keiner beim Versacken zuguckt – beziehungsweise zugeguckt HAT.
In Berlins Nachtleben herrscht ein gewisser Mangel an Orten, an denen man einfach gepflegt und unbeobachtet in einem Sofa herumschimmeln kann. Mit der Schließung des White Trash in der Torstraße ist einer davon gestorben – wenn nicht gar der einzige.

Kein Wunder, daß nach einem Sommer des durstigen Wartens und wilden Spekulierens (‚Hast du schon gehört? Angeblich gibt es ein neues White Trash in Kreuzberg. Ich weiß aber auch nicht, wo‘) die Neueröffnung mit Spannung erwartet wurde. In einem ehemaligen Irish Pub, aha. Dann also statt Chinarestaurant mit Totenkopfgirlanden jetzt grüne Kleeblätter im Goldfischaquarium? Mitnichten. Vermutlich aus Gründen der Treue zum alten Erscheinungsbild (aber auf Kosten der Glaubwürdigkeit) hat man die ganze olle China-Deko abmontiert und recht pragmatisch in die neuen Räumlichkeiten verpflanzt. Platz ist genug, denn das Neue White Trash ist keine Bar, sondern ein Tempel. Ein Restaurantbereich mit Tischen auf drei Ebenen, im Keller noch ein Club mit Live-Konzerten – das Neue White Trash ist jetzt eine große öffentliche Bühne fürs Sehen-und-Gesehenwerden. Nachdem die anfängliche Euphorie über die Rückkehr des Killer Elvis Burgers sich nun ein wenig gelegt hat und die Zusammensetzung des Publikums sich verschoben hat in Richtung ‚Werbeagentur-Geschäftsessen‘ und ‚Erlebnisgastronomiegeile Touristengruppen‘ wird langsam klar, was zwischen Umzug und Neueröffnung leider auf der Strecke geblieben ist: das Herz.

Zum Abschluß noch eine kleine prototypische Anekdote aus einem Laden, der im Moment sicherlich eine Goldgrube ist, aber sich vielleicht doch die Frage stellen sollte, ob das mit der gegenwärtigen Attitüde noch lange so bleibt.
Samstagabend. Eine Gruppe von zehn Leuten will essen gehen. Es ist Besuch aus anderen Städten da, denen möchte man natürlich etwas möglichst besonderes bieten, und da man ja weiß, im Neuen White Trash wird es voll sein, reserviert man vorher am besten telefonisch einen Tisch. Bei der Ankunft stellt sich heraus, daß das die falsche Taktik war. Der zugewiesene Tisch ist ganz hinten, ganz oben: vor der Tür zur Damentoilette und neben der Klimaanlage, standardmäßig auf Windstärke 8 eingestellt. Besser, man wäre einfach eine Stunde früher gekommen und hätte einen der freien Tische belegt.
Zu spät jetzt, freie Tische gibts nicht mehr, also hoch zum reservierten Tisch und während des Essens eben die Jacken anbehalten. ‚Was tut man nicht alles, das ist halt eben das White Trash.‘
Als alle eingetrudelt sind, wird bestellt; die Burger kommen und sind lecker, bis auf einen- der wird auch bei dreimaliger Nachfrage immer wieder vergessen und kommt schließlich, als alle anderen schon beim Verdauungsschnaps angelangt sind. Von einem guten Restaurant würde man vermutlich erwarten, daß das vergessene Essen entweder nicht auf der Rechnung auftaucht oder daß die Tischrunde eine Runde Schnaps aufs Haus serviert bekommt, aber wir sagen nichts, ‚das ist halt eben das White Trash‘.
Falsch. Das ist halt eben das NEUE White Trash, und hier geht es nicht mehr um die gewohnte ’no attitude‘-attitüde, hier geht es nur noch ums Geld scheffeln. Das wird uns schmerzlich bewußt, als die Rechnung kommt, und die Kellnerin (‚You have to talk in english, I don’t speak german‘) erklärt, sie habe auf die Gesamtsumme 13 Euro aufgeschlagen, denn wir seien schließlich eine ‚big party reservation‘, und da würden sie das immer so machen. Zunächst halten wir das für einen schlechten Scherz, denn a) war das bei weitem nicht das erste Burgeressen in einer großen Gruppe und diese Praxis uns völlig neu, b) haben wir pro Person schließlich auch schon den einen Euro Eintritt bezahlt, um im White Trash Geld ausgeben zu dürfen und c) wäre vielleicht deren Website, zum Beispiel direkt unter der Telefonnummer für Reservierungen, ein angemessener Ort, um den Gästen solche Mitteilungen zu machen und nicht erst beim Überreichen der Rechnung.
Wir weisen auf den verspäteten Burger und überhaupt miesen Service hin und erklären, daß wir kein Problem damit haben, Trinkgeld zu geben, das eigentlich auch schon nicht mehr angemessen ist, aber diese dreizehn Euro gewiß nicht zahlen werden.
Die Bedienung verschwindet wortlos und kommt mit ihrer Oberkellnerin (emo-schwarz/platinblond gefärbte Vogelnestfrisur und schon von weitem erkennbar auf Krawall gebürstet) zurück, die dann absurderweise erklärt, bei Rechnungen über 100 Euro würden sie immer zehn Prozent aufschlagen, das sei doch normal. Der Sinn hinter dieser Maßnahme bleibt uns verschlossen, aber wir kommen auch nicht mehr dazu, weiter nachzufragen, denn auf unsere erneute Weigerung hin knallt die Vogelnestfrau uns das restliche Wechselgeld auf den Tisch und erklärt einem aus dem Nichts aufgetauchten Herrn: ‚Dieser Tisch hier möchte jetzt sofort geschlossen den Laden verlassen, bitte begleite alle nach draußen.‘
Nachdem er sich vergewissert hat, daß auch ja alle rausgekommen sind, gibt er uns noch einen freundlichen Abschiedsgruß mit auf den Weg: ‚Das ist ab jetzt nicht mehr euer Laden.‘

Ja, das haben wir auch schon überlegt, danke.
Schade drum.