Das Leben der Anderen

Es gibt ja so Abende.
Die ganze Woche ziemlich viel gearbeitet, endlich Wochenende und man könnte jetzt ausgehen und sich ins Nachtleben stürzen. Aber eigentlich ist man ein bißchen faul, bißchen müde, eigentlich hat man keine Lust, mit irgendjemandem zu reden, und eigentlich könnte man genausogut zuhause bleiben und früh ins Bett gehen.
Normalerweise wäre das auch kein Problem, aber wie gesagt gibt es halt diese Abende. An denen geht das einfach nicht, denn man ist schließlich ein aktiver junger Mensch und hat ein soziales Leben, das gepflegt werden will und freitagabends alleine zuhause bleiben ohnehin nur Loser. Und obwohl man ja eigentlich ohnehin nicht kommunizieren will und demonstrativ niemanden anruft, ist es trotzdem irritierend, wenn das Telefon an genau diesem Abend nicht wenigstens einmal klingelt.

Neulich war dann also jedenfalls mal wieder so einer, und zu allem Überfluß war es auch noch einer dieser Abende mit Regen – was ja die Möglichkeiten, einen dieser Abende zu verbringen, noch weiter einschränkt, denn die attraktivste Möglichkeit (einfach ein bißchen mit dem Rad durch die Gegend fahren und den anderen Leuten beim Ausgehen zusehen) fiel dadurch schon mal ins Wasser.

So beschloß ich, den Abend möglichst zu inszenieren: ‚Tourist in der eigenen Stadt‘ spielen, sich in großstädtischer Melancholie suhlen und so tun, als ob man wirklich keine Sau kennt. Das geht zum Beispiel so: mit theatralischer Miene das ohnehin nicht klingelnde Telefon ausschalten und alleine ins Kino gehen.

Das mache ich sehr selten, aber eigentlich gern. Die vielen freitagabendausgehfreudigen Grüppchen, die mir auf dem Weg zum Kino entgegenkamen, regten auch nur ganz kurz Zweifel an meinem Vorhaben. (Na gut, und ein bißchen Neid. Alle sahen so wach und kommunikationsfreudig aus.)
Daß an dem Abend dieser Film über die Stasi noch lief, schien mir sehr passend. Mit immer noch theatralischer Miene legte ich mir eine besonders bedeutungsschwangere Formulierung zum Kartenkauf zurecht. ‚Ich hätte gerne einmal das Leben der Anderen.‘

Daraufhin enstpann sich folgendes Gespräch:
Kassenfrau: ‚Es sind nur noch Karten in Reihe zwei frei.‘
Ich: ‚Ist das ihr Ernst? kein einziger freier Platz mehr in einer der hinteren Reihen? Na gut, dann Reihe zwei.‘
Sie: ‚Zwei?‘
Ich: ‚Äh.. ja. Sagten sie doch gerade.‘
Sie: ‚Also zwei Tickets in Reihe zwei.‘
Ich: ‚Nein, eins.‘
Sie: ‚Reihe eins? Wieso denn? In Reihe zwei ist aber doch auch-‚
Ich: ‚EIN Ticket. EIN Ticket für Reihe ZWEI.‘
Sie: ‚Wie, nur ein Ticket? Warum sagen sie das denn nicht gleich?‘

Man muß vielleicht dazusagen, daß ich selbst für die Spätvorstellung recht spät dran war und diese Frau, der Kartenabreißer und ich mittlerweile die einzigen beiden Menschen im ganzen Foyer waren – Dachte sie, ich will den Kartenabreißer ins Kino einladen?

Oh.

Eigentlich wollte ich ja nur eine Filmrezension schreiben. Aber wahrscheinlich haben den eh schon alle gesehen, da muß ich jetzt auch nicht mehr viel dazu sagen.

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One response to “Das Leben der Anderen”

  1. Björnstar says :

    danke. sehr schön geschrieben. gehe ja auch gerne alleine ins kino. meistens nachmittags. bis dann so eine mitvierziger frau in den leeren kinosaal kommt, sich genau in die reihe vor mir sitzt und dann obst oder rohes gemüse ist. so bosskopp-äpfel, die richtig lauten.

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