Archive | August 2006

Geschichten aus dem Niemandsland

Heute ist mir mit aller Deutlichkeit klargeworden, wieso sich so viele Kolumnenschreiber in Wochenmagazinen der überregionalen Zeitungen mit dem Thema ‚Reisen in der Deutschen Bahn‘ beschäftigen.
Es ist eine schier notwendige Strategie, um sowohl seine Nerven als auch seine gute Erziehung nicht zu verlieren. Man kann es entweder seinem Reisepartner bei einer Zigarette im BordBistro erzählen, oder, wenn man AlleinReisender ist, hackt man seinen Frust eben in die Tasten des Laptops.
Ich befinde mich gerade kurz hinter Hannover, und genieße die ersten stillen Minuten seit meiner Abreise am Lehrter Bahnhof Berliner Hauptbahnhof, da seit der letzten Umsteigemöglichkeit die überaus kommunikative Kleinfamilie vom Dreiersitz neben mir in einem anderen Zug ihre Weiterfahrt antritt.
Nach einer Fahrtzeit von etwa 7 Minuten war ich bereits kurz davor, es dem einen Ruhewagen markierenden Piktogramm über meinem Sitz gleichzutun, den rechten Zeigefinger zur Nasenspitze zu erheben und leise zu zischen ‚pschhhhhhht‘.
Es lebe die Besonnenheit- und mein gutes Buch, das es tatsächlich geschafft hat, mich von dem hirnlosen Geplapper nebenan abzulenken. Für eine Weile zumindest. Dann zeigte die Anzeigetafel kurz nach Wolfsburg (statt der in diesen unsicheren Zeiten allgegenwärtigen Dauerwarnung, doch bitte auf sein Gepäck zu achten und bei verdächtig aussehenden Koffern, die im Gang lauern und unschuldigen Reisenden ein Bein stellen, doch bitte das Zugpersonal zu verständigen) plötzlich die Fahrtgeschwindigkeit an.
Ich konnte nicht anders, mein Buch war auf einmal nur noch halb so spannend wie das Gespräch, das sich zwischen der Mutter und ihrer Tochter (der großen: schätzungsweise sechzehn, wohlgemerkt) entsponn. In Kurzform ging das so:

(Tochter) ‚Mama, guck mal, 200 Kilometer! So weit isses nur noch bis nach Köln‘
(Mutter: dreht sich um und überprüft die Anzeige – dort steht immer noch ‚200 km/h‘) ‚Stimmt. Dann haben wir die Hälfte der Strecke nach Frankfurt ja schon hinter uns‘
(Tochter) ‚Aber hast du nicht gesagt, nach Frankfurt wären es 800 Kilometer?‘
(Mutter) ‚Ja, aber das wär die Strecke mit dem Auto‘

Die Bahn sollte offensiver damit werben. ‚Mit der Bahncard 50 sind sie nach der Hälfte der Entfernung schon am Ziel‘ oder so.
Daß die Wissenschaft sich noch nicht mit dem Phänomen ‚gekrümmte Bahnstrecken in Zeit und Raum beschäftigt hat, wundert mich übrigens auch. Aber vielleicht ist da schon längst eine große Forschung im Gange, von der die Öffentlichkeit noch nichts weiß? Pschhhhhhhht, sagt das Männchen auf dem Ruhewagen-Icon zu mir. Ich glaube übrigens, es hat gerade dem Koffer da hinten zugezwinkert.

die-bahn.jpg

Ach wie gut, daß niemand weiß-

Oh! Da ist schon wieder eine Woche ohne Eintrag vergangen, dabei hatte ich mir doch vorgenommen, Berlins wohl publikumsnahesten Chansonisten Konkurrenz zu machen nachzueifern. Klappt wohl doch nicht so ganz, naja. Deswegen ist er wohl auch bekannt und ich nicht.

Jedenfalls glaube ich, mal wieder meinen Senf zu irgendwas abgeben zu müssen, und wetterbedingt muß diesmal keine Grillwurst dran glauben, sondern Der Blog. Nur über was?

Passiert ist letzte Woche zwar eine Menge, aber das gehört nicht hierher, daraus mach ich glaub ich lieber direkt ein Buch. Oder besser eine Vorabend-Fernsehserie, denn die meisten der Ereignisse hatten Soap-Qualitäten.

Am Freitagabend jedenfalls, beim Pizzaessen, entstand mit Hilfe meiner beiden spießigsten Freunde eine lange Liste mit Themen, die unbedingt einer näheren Betrachtung bedürfen – ich fang mal mit dem drängendsten an:
Passwörter. Pin Codes. And the like.

Die Passwörter und ich, wir sind keine Freunde. Und werden es vermutlich auch nie werden, denn sie weichen mir aus, wo es nur geht.
Ich habe die ‚Kennwort merken‘-Funktion meines Browsers wirklich zu schätzen gelernt, naja: zumindest was die Passwörter angeht, deren Mißbrauch mir keinen finanziellen Schaden bescheren würde.
(Mal abgesehen von meinem alten Blog: dieses Passwort hatte ich aus irgendeinem mir mittlerweile entfallenen Grund nicht gespeichert, und das führte letztlich dazu, daß ich mit allen Texten komplett umgezogen bin, weil ich keine neuen mehr schreiben konnte. Egal, ist eh schicker jetzt)

Ansonsten bin ich nämlich, was Passwörter angeht, eher ein Sicherheitsfanatiker, und die Passwörter nirgends zu speichern oder notieren, ist leider nicht nur ein guter Schutz vor Mißbrauch durch Fremde- der beste Schutz ist es vor mir selbst.

Ich habe zu Spitzenzeiten innerhalb von drei Monaten acht Emails von der Deutschen Bahn bekommen, die die Betreffzeile ‚Ihre Anmeldung auf bahn.de‘ tragen, denn bei jedem neu gebuchten Onlineticket muß ich auf den Knopf ‚Passwort vergessen‘ klicken. Und jedes Mal wähle ich ein neues Passwort, von dem ich mir denke ‚Das ist einfach zu merken in diesem Zusammenhang, das mußt du dir nirgends notieren‘. Muß ich doch. Aber das merke ich dann erst, wenn ich es das nächste Mal brauche. So geht dann der ganze Spaß von vorne los.
Aktuell versuche ich verzweifelt, mein Online-Banking mit Kreditkarte auszuprobieren, weil ich vor Jahren ein „total sicheres Passwort, daß ich mir sicherlich ganz einfach merken kann“ gewählt habe und es mir nun ums Verrecken nicht mehr einfällt. Jetzt bekomme ich laufend neue Mitteilungen der Sorte ‚Jemand hat dreimal versucht, sich mit einem falschen Passwort für ihr Konto einzuloggen. Aus Sicherheitsgründen wird der Account für 24 Stunden deaktiviert‘.

Was macht man in so einem Fall? Ich habe mir neulich (obwohl ich immer über die Gedächtnisschwäche derer geschmunzelt habe, die so etwas tun) sogar ein Notizbuch zugelegt, um alle Passwörter und Pins dort zu notieren, aber das scheiterte an zwei Dingen:
a) ich müßte mich erstmal an alle Passwörter erinnern, bevor ich sie notieren kann, und meine Passwortmerkfunktion sagt zu allem immer nur „•••••••••••••••“
b) Ich hab das Notizbuch verlegt.

Ich glaube, ich bin ein hoffnungsloser Fall.