Geschichten aus dem Niemandsland

Heute ist mir mit aller Deutlichkeit klargeworden, wieso sich so viele Kolumnenschreiber in Wochenmagazinen der überregionalen Zeitungen mit dem Thema ‚Reisen in der Deutschen Bahn‘ beschäftigen.
Es ist eine schier notwendige Strategie, um sowohl seine Nerven als auch seine gute Erziehung nicht zu verlieren. Man kann es entweder seinem Reisepartner bei einer Zigarette im BordBistro erzählen, oder, wenn man AlleinReisender ist, hackt man seinen Frust eben in die Tasten des Laptops.
Ich befinde mich gerade kurz hinter Hannover, und genieße die ersten stillen Minuten seit meiner Abreise am Lehrter Bahnhof Berliner Hauptbahnhof, da seit der letzten Umsteigemöglichkeit die überaus kommunikative Kleinfamilie vom Dreiersitz neben mir in einem anderen Zug ihre Weiterfahrt antritt.
Nach einer Fahrtzeit von etwa 7 Minuten war ich bereits kurz davor, es dem einen Ruhewagen markierenden Piktogramm über meinem Sitz gleichzutun, den rechten Zeigefinger zur Nasenspitze zu erheben und leise zu zischen ‚pschhhhhhht‘.
Es lebe die Besonnenheit- und mein gutes Buch, das es tatsächlich geschafft hat, mich von dem hirnlosen Geplapper nebenan abzulenken. Für eine Weile zumindest. Dann zeigte die Anzeigetafel kurz nach Wolfsburg (statt der in diesen unsicheren Zeiten allgegenwärtigen Dauerwarnung, doch bitte auf sein Gepäck zu achten und bei verdächtig aussehenden Koffern, die im Gang lauern und unschuldigen Reisenden ein Bein stellen, doch bitte das Zugpersonal zu verständigen) plötzlich die Fahrtgeschwindigkeit an.
Ich konnte nicht anders, mein Buch war auf einmal nur noch halb so spannend wie das Gespräch, das sich zwischen der Mutter und ihrer Tochter (der großen: schätzungsweise sechzehn, wohlgemerkt) entsponn. In Kurzform ging das so:

(Tochter) ‚Mama, guck mal, 200 Kilometer! So weit isses nur noch bis nach Köln‘
(Mutter: dreht sich um und überprüft die Anzeige – dort steht immer noch ‚200 km/h‘) ‚Stimmt. Dann haben wir die Hälfte der Strecke nach Frankfurt ja schon hinter uns‘
(Tochter) ‚Aber hast du nicht gesagt, nach Frankfurt wären es 800 Kilometer?‘
(Mutter) ‚Ja, aber das wär die Strecke mit dem Auto‘

Die Bahn sollte offensiver damit werben. ‚Mit der Bahncard 50 sind sie nach der Hälfte der Entfernung schon am Ziel‘ oder so.
Daß die Wissenschaft sich noch nicht mit dem Phänomen ‚gekrümmte Bahnstrecken in Zeit und Raum beschäftigt hat, wundert mich übrigens auch. Aber vielleicht ist da schon längst eine große Forschung im Gange, von der die Öffentlichkeit noch nichts weiß? Pschhhhhhhht, sagt das Männchen auf dem Ruhewagen-Icon zu mir. Ich glaube übrigens, es hat gerade dem Koffer da hinten zugezwinkert.

die-bahn.jpg

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2 responses to “Geschichten aus dem Niemandsland”

  1. dunny says :

    wann wird die rückfahrt kommentiert ???

    😉

  2. nextbigthing says :

    hahahaha.

    Ende September. Vielleicht 😉

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