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Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Dieses Gedicht heisst ‚Weltende‘ und wurde vor fast hundert Jahren geschrieben von jemandem namens Jakob van Hoddis. Wikipedia sagt, dieser Herr van Hoddis hat in Berlin gelebt, und das wiederum bringt mich zu dem Schluss: Klimawandel hin oder her, vor hundert Jahren war auch schon genau so ein Sauwetter wie heute.

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Tief in der digitalen Fotokiste

Daß mir neulich die externe Festplatte abgerauscht ist, hat auf eine gewisse Weise auch sein gutes. Einen Teil der Daten konnte ich ja noch retten, aber die Dateibezeichnungen gingen leider alle verloren. Und manche Dateien sind auch kaputt, aber man sieht nicht, welche. Also spiele ich seit einiger Zeit immer dann, wenn ich Muße habe, Datenroulette: alles öffnen, was geht, und alles, was sich nicht öffnet: wegschmeissen. Heute bin ich bei dem Ordner mit den Bildern angelangt, und das ist fast so toll wie auf dem Dachboden zu wühlen… Hier eins der Schätzchen, das ich zutage gefördert habe.

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Mit dem Bild können vermutlich nur die Ex-Aachener was anfangen, aber die – das wette ich – waren am Vorabend dieses Bildes auch garantiert alle daran beteiligt, daß der Raum nun mal so aussah, wie er aussah. Und es sei angemerkt: diesem Bild gehen bereits drei Stunden Aufräumarbeiten voraus.

Geschichten aus dem Niemandsland

Heute ist mir mit aller Deutlichkeit klargeworden, wieso sich so viele Kolumnenschreiber in Wochenmagazinen der überregionalen Zeitungen mit dem Thema ‚Reisen in der Deutschen Bahn‘ beschäftigen.
Es ist eine schier notwendige Strategie, um sowohl seine Nerven als auch seine gute Erziehung nicht zu verlieren. Man kann es entweder seinem Reisepartner bei einer Zigarette im BordBistro erzählen, oder, wenn man AlleinReisender ist, hackt man seinen Frust eben in die Tasten des Laptops.
Ich befinde mich gerade kurz hinter Hannover, und genieße die ersten stillen Minuten seit meiner Abreise am Lehrter Bahnhof Berliner Hauptbahnhof, da seit der letzten Umsteigemöglichkeit die überaus kommunikative Kleinfamilie vom Dreiersitz neben mir in einem anderen Zug ihre Weiterfahrt antritt.
Nach einer Fahrtzeit von etwa 7 Minuten war ich bereits kurz davor, es dem einen Ruhewagen markierenden Piktogramm über meinem Sitz gleichzutun, den rechten Zeigefinger zur Nasenspitze zu erheben und leise zu zischen ‚pschhhhhhht‘.
Es lebe die Besonnenheit- und mein gutes Buch, das es tatsächlich geschafft hat, mich von dem hirnlosen Geplapper nebenan abzulenken. Für eine Weile zumindest. Dann zeigte die Anzeigetafel kurz nach Wolfsburg (statt der in diesen unsicheren Zeiten allgegenwärtigen Dauerwarnung, doch bitte auf sein Gepäck zu achten und bei verdächtig aussehenden Koffern, die im Gang lauern und unschuldigen Reisenden ein Bein stellen, doch bitte das Zugpersonal zu verständigen) plötzlich die Fahrtgeschwindigkeit an.
Ich konnte nicht anders, mein Buch war auf einmal nur noch halb so spannend wie das Gespräch, das sich zwischen der Mutter und ihrer Tochter (der großen: schätzungsweise sechzehn, wohlgemerkt) entsponn. In Kurzform ging das so:

(Tochter) ‚Mama, guck mal, 200 Kilometer! So weit isses nur noch bis nach Köln‘
(Mutter: dreht sich um und überprüft die Anzeige – dort steht immer noch ‚200 km/h‘) ‚Stimmt. Dann haben wir die Hälfte der Strecke nach Frankfurt ja schon hinter uns‘
(Tochter) ‚Aber hast du nicht gesagt, nach Frankfurt wären es 800 Kilometer?‘
(Mutter) ‚Ja, aber das wär die Strecke mit dem Auto‘

Die Bahn sollte offensiver damit werben. ‚Mit der Bahncard 50 sind sie nach der Hälfte der Entfernung schon am Ziel‘ oder so.
Daß die Wissenschaft sich noch nicht mit dem Phänomen ‚gekrümmte Bahnstrecken in Zeit und Raum beschäftigt hat, wundert mich übrigens auch. Aber vielleicht ist da schon längst eine große Forschung im Gange, von der die Öffentlichkeit noch nichts weiß? Pschhhhhhhht, sagt das Männchen auf dem Ruhewagen-Icon zu mir. Ich glaube übrigens, es hat gerade dem Koffer da hinten zugezwinkert.

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Aufräumen mit einem Mythos

Das ’neue‘ White Trash.

Neue Besen kehren gut, sagen die einen. Never change a winning team, sagen die anderen. Und Habgier macht häßlich.

Das White Trash in der Torstraße hatte sich über längere Zeit hinweg zu einer sagenumwobenen Lokalität entwickelt. Eine dieser Endstation-Bars, in denen nach Betreten die Zeit stehenbleibt. Wo man gar nicht anders kann, als bis Sonnenaufgang oder auch länger dort zu versacken. Weil immer ein neues Bier kommt, weil gelegentlich mal jemand auf den Tischen tanzt, weil es so viel zu gucken gibt: von der Beamerprojektion (ich hätte vorher nie gedacht, daß es möglich ist, das Texas Kettensägenmassaker in Repeat-Schleife anzusehen und trotzdem mit großem Appetit einen Burger zu verspeisen) über die liebevoll umhegten Goldfische (allesamt mit leichter Schräglage knapp unter der Wasseroberfläche entlangtreibend) bis hin zu dem Opi, der hinterm DJ-Pult steht und mit großem Spaß Death Metal auflegt.
Und vor allem: weil einem keiner beim Versacken zuguckt – beziehungsweise zugeguckt HAT.
In Berlins Nachtleben herrscht ein gewisser Mangel an Orten, an denen man einfach gepflegt und unbeobachtet in einem Sofa herumschimmeln kann. Mit der Schließung des White Trash in der Torstraße ist einer davon gestorben – wenn nicht gar der einzige.

Kein Wunder, daß nach einem Sommer des durstigen Wartens und wilden Spekulierens (‚Hast du schon gehört? Angeblich gibt es ein neues White Trash in Kreuzberg. Ich weiß aber auch nicht, wo‘) die Neueröffnung mit Spannung erwartet wurde. In einem ehemaligen Irish Pub, aha. Dann also statt Chinarestaurant mit Totenkopfgirlanden jetzt grüne Kleeblätter im Goldfischaquarium? Mitnichten. Vermutlich aus Gründen der Treue zum alten Erscheinungsbild (aber auf Kosten der Glaubwürdigkeit) hat man die ganze olle China-Deko abmontiert und recht pragmatisch in die neuen Räumlichkeiten verpflanzt. Platz ist genug, denn das Neue White Trash ist keine Bar, sondern ein Tempel. Ein Restaurantbereich mit Tischen auf drei Ebenen, im Keller noch ein Club mit Live-Konzerten – das Neue White Trash ist jetzt eine große öffentliche Bühne fürs Sehen-und-Gesehenwerden. Nachdem die anfängliche Euphorie über die Rückkehr des Killer Elvis Burgers sich nun ein wenig gelegt hat und die Zusammensetzung des Publikums sich verschoben hat in Richtung ‚Werbeagentur-Geschäftsessen‘ und ‚Erlebnisgastronomiegeile Touristengruppen‘ wird langsam klar, was zwischen Umzug und Neueröffnung leider auf der Strecke geblieben ist: das Herz.

Zum Abschluß noch eine kleine prototypische Anekdote aus einem Laden, der im Moment sicherlich eine Goldgrube ist, aber sich vielleicht doch die Frage stellen sollte, ob das mit der gegenwärtigen Attitüde noch lange so bleibt.
Samstagabend. Eine Gruppe von zehn Leuten will essen gehen. Es ist Besuch aus anderen Städten da, denen möchte man natürlich etwas möglichst besonderes bieten, und da man ja weiß, im Neuen White Trash wird es voll sein, reserviert man vorher am besten telefonisch einen Tisch. Bei der Ankunft stellt sich heraus, daß das die falsche Taktik war. Der zugewiesene Tisch ist ganz hinten, ganz oben: vor der Tür zur Damentoilette und neben der Klimaanlage, standardmäßig auf Windstärke 8 eingestellt. Besser, man wäre einfach eine Stunde früher gekommen und hätte einen der freien Tische belegt.
Zu spät jetzt, freie Tische gibts nicht mehr, also hoch zum reservierten Tisch und während des Essens eben die Jacken anbehalten. ‚Was tut man nicht alles, das ist halt eben das White Trash.‘
Als alle eingetrudelt sind, wird bestellt; die Burger kommen und sind lecker, bis auf einen- der wird auch bei dreimaliger Nachfrage immer wieder vergessen und kommt schließlich, als alle anderen schon beim Verdauungsschnaps angelangt sind. Von einem guten Restaurant würde man vermutlich erwarten, daß das vergessene Essen entweder nicht auf der Rechnung auftaucht oder daß die Tischrunde eine Runde Schnaps aufs Haus serviert bekommt, aber wir sagen nichts, ‚das ist halt eben das White Trash‘.
Falsch. Das ist halt eben das NEUE White Trash, und hier geht es nicht mehr um die gewohnte ’no attitude‘-attitüde, hier geht es nur noch ums Geld scheffeln. Das wird uns schmerzlich bewußt, als die Rechnung kommt, und die Kellnerin (‚You have to talk in english, I don’t speak german‘) erklärt, sie habe auf die Gesamtsumme 13 Euro aufgeschlagen, denn wir seien schließlich eine ‚big party reservation‘, und da würden sie das immer so machen. Zunächst halten wir das für einen schlechten Scherz, denn a) war das bei weitem nicht das erste Burgeressen in einer großen Gruppe und diese Praxis uns völlig neu, b) haben wir pro Person schließlich auch schon den einen Euro Eintritt bezahlt, um im White Trash Geld ausgeben zu dürfen und c) wäre vielleicht deren Website, zum Beispiel direkt unter der Telefonnummer für Reservierungen, ein angemessener Ort, um den Gästen solche Mitteilungen zu machen und nicht erst beim Überreichen der Rechnung.
Wir weisen auf den verspäteten Burger und überhaupt miesen Service hin und erklären, daß wir kein Problem damit haben, Trinkgeld zu geben, das eigentlich auch schon nicht mehr angemessen ist, aber diese dreizehn Euro gewiß nicht zahlen werden.
Die Bedienung verschwindet wortlos und kommt mit ihrer Oberkellnerin (emo-schwarz/platinblond gefärbte Vogelnestfrisur und schon von weitem erkennbar auf Krawall gebürstet) zurück, die dann absurderweise erklärt, bei Rechnungen über 100 Euro würden sie immer zehn Prozent aufschlagen, das sei doch normal. Der Sinn hinter dieser Maßnahme bleibt uns verschlossen, aber wir kommen auch nicht mehr dazu, weiter nachzufragen, denn auf unsere erneute Weigerung hin knallt die Vogelnestfrau uns das restliche Wechselgeld auf den Tisch und erklärt einem aus dem Nichts aufgetauchten Herrn: ‚Dieser Tisch hier möchte jetzt sofort geschlossen den Laden verlassen, bitte begleite alle nach draußen.‘
Nachdem er sich vergewissert hat, daß auch ja alle rausgekommen sind, gibt er uns noch einen freundlichen Abschiedsgruß mit auf den Weg: ‚Das ist ab jetzt nicht mehr euer Laden.‘

Ja, das haben wir auch schon überlegt, danke.
Schade drum.

Sonntagvormittag

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in einer rheinischen Kleinstadt. So sieht das aus.

Zeitumstellung makes us sad

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Noch siehts da draußen ja ganz gut aus, aber wer weiß, wie lange das so bleibt.
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
Rainer, Maria und Rilke haben mal wieder recht, wie jedes Jahr.
Damit die gute Laune trotzdem noch ein wenig länger überlebt, empfehle ich als Soundtrack ‚Last Good Day of the Year‘ von Cousteau.