Mein Leben auf einem Mixtape. Seite A, Titel 02

2000. Am Küchenfenster in Aachen
Bossa Nostra Featuring Bruna Loppez – Jackie

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Ein Sommer, an dessen Ende sehr viele Abschiede bevorstanden. Freunde, die sich in den folgenden zwölf Monaten über die europäischen Großstädte verteilen würden. Ich daneben mit dem wachsenden Gefühl, dringend etwas an meinem Leben verändern zu müssen.
Viele Nachmittage mit viel zuvielen Zigaretten auf der Fensterbank in der Küche, Starren aus dem Fenster, nachdenken über die Zukunft, und über all dem schwebt die wehmütige Stimme aus diesem Lied.

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Mein Leben auf einem Mixtape. Seite A, Titel 01

1996. Eine rheinische Kleinstadt in der Nähe von Köln:
Whirlpool Productions – From Disco To Disco

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Damals war die Welt noch in Ordnung.
Der Führerschein frisch in der Tasche, das Abi war noch meilenweit entfernt, und elektronische Musiker nahmen ihre Platten noch in kleinen Kellerstudios in Eifeldörfern auf anstatt in Berliner Hinterhöfen.
Jeden Dienstag gab es den Funky Chicken Club im Lulu, wo man Drinks zu sich nahm wie ‚Sekt auf Eis‘ und die Mutter des DJs auf dem Klo noch eigenhändig ihre Abba-Platten aufgelegt hat. Am nächsten Tag dann nach der Schule mit dem Auto zum Baggersee. Und im Radio: die selbstaufgenommene Kassette mit den Songs vom Vorabend. Bei diesem Song hab ich immer besonders laut aufgedreht.

IF YOUR LIFE WAS A MOVIE

what would the soundtrack be?

Jaja, ich weiss, der Fragebogen hat mittlerweile einfach schon JEDEN erreicht, manche Leute benutzen diese Methode sogar beruflich, aber ich will doch auch mitmachen und komm erst jetzt dazu, ihn zu beantworten.

So, here’s how it works:

1. Open your library (iTunes, Winamp, Media Player, iPod, etc)

2. Put it on shuffle

3. Press play

4. For every question, type the song that’s playing

5. When you go to a new question, press the next button

6. Don’t lie and try to pretend you’re cool because you’re not…

Opening Credits Stina Nordenstam – Dynamite
Birth Nada Surf – Blankest Year
Waking Up The Strokes – Fear of Sleep (ehrlich! kein Witz!)
First Day At School Element of Crime – Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei
Falling In Love Alan Braxe & Fred Falke – Rubicon
Breaking Up Deichkind – Prost (haha)
Prom Colder – (She starts dancing) To the music
Happy Times Røyksopp – Sparks
Divorce Jonny Trunk – Sister Woo
Crying Metric – Combat Baby
Eating Rifles – When I’m Alone
Sleeping Art Brut – Brand New Girlfriend (das Lied kommt eine Position zu früh, glaub ich)
Making looooove The Aim Of Design Is To Define Space – Magic Juhnke
Life’s OK Bondage Fairies – Pink Eye Paranoia (mannomann, auch das würde auf die nächste Frage viel besser passen)
Mental Breakdown Safety Scissors – Sunlight
Punch-on Steve Bug – Drives Me Up The Wall
Driving Peter Bjorn And John – Amsterdam
Flashback The Fiery Furnaces – Duffer St George
Getting Back Together The White Stripes – Doorbell
Birth of Child Blumfeld – Jugend von heute
Wedding Pale – Goodbye Trouble
Final Battle Björk – Joga (Atari Teenage Riot Mix)
Death Scene Frank Sinatra – Moon River (ehrlich! ich hab hier nicht geschummelt! aber ich find’s großartig)
Funeral Song Joanna Newsom – Yam and Glue
End Credits Tocotronic – Rock Pop in concert

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Also, ich riech nix.

Eigentlich bin ich ja ganz anderer Meinung als Jens Friebe.
Ich mag Deutsches Kino, genauso wie ich englisches Kino mag, und manchmal sogar französisches. In ganz seltenen Fällen funktioniert es sogar, wenn Deutsches Kino Ausflüge in die USA macht.
Aber momentan ist ein Film im Kino, der das Prädikat „Deutsches Kino“ ziemlich zu unrecht trägt.
Da ist nun allerorten zu lesen, was für ein Prachtexemplar Tom Tykwer da in die Welt gesetzt hat, und ich will gar nicht bestreiten, daß diese Romanverfilmung qualitätvolles internationales Mainstream-Kino darstellt – die Betonung liegt hier allerdings auf „international“. „Kostümfest“ und „Ausstattungsschlacht“ würde ich auch noch als beschreibende Attribute gelten lassen.
Aber Deutsches Kino geht anders. Ganz anders. Und besser. Auch ohne ein Budget von 50 Millionen Euro.

100% London.

„First I went to 100% East, then to 100% Norway, and after that to 100% Singapore. I skipped the 100% Design Exhibition though, because it is 100% too corporate and I was 86% bored and only 35% satisfied with the rest. Now I am going to go for a 100% sunday afternoon pub visit. Who’s joining me?“

Ein 100% passender Vorschlag. Ich bin dabei.

Und auch sonst eigentlich ein 100% Superwochenende.

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Cooper – we found Laura’s murderer.

Ich lach mich gerade schlapp – daß ich neulich erst Twin Peaks als grossartige Serie entdeckt habe (mit über fünfzehn Jahren Verspätung, ich weiss), hab ich vermutlich schon jedem erzählt.
Wer von euch die Serie kennt, wird sich bei diesem Video hier vermutlich genauso kringeln vor Lachen wie ich.

Li La Leipzig.

Von links nach rechts: Asia-Schnellimbiss, Dönerbude (bedient von den selben Damen), Eingang zur (nicht sichtbaren, weil innenliegenden) Backstube und ganz rechts außen dann noch die Metzgerei-Cum-Currywurstbude: die ganze kulinarische Welt in einem Ladenlokal. Tolltolltoll. In Leipzig wird MULTIKULTI anscheinend wahrhaft großgeschrieben.

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Mein Wochenende in der Heimat, Part 1

Prelude: zwei Tage vorher, wegen einer Gruß-Sms vom Kante-Konzert und der darauf folgenden Antwort die freudige Entdeckung, daß sich am Freitagabend, an dem ich ohnehin heimatbesuchstechnische Ausgehlangeweile befürchtete, DEICHKIND im Musikbunker Aachen die Ehre geben.

Freitagabend, dann.
20 Uhr: mit dem kleinen Punto der kleinen Schwester auf dem Weg zur Autobahn nach Aachen.
20.30 Uhr: immer noch auf dem Weg zur Autobahn im Stau vor dem provinziellsten aller Bahnübergänge in der Umgebung, der Grund: ein Trecker, der die Straße blockiert.
20.45 Uhr: endlich auf der Auffahrt, leicht nervös, denn in einer Viertelstunde soll es eigentlich schon losgehen. Wie absurd früh. Deren letztes Konzert, das ich miterlebt habe, fand um halb vier Uhr nachts in einem dreckigen Kellerclub statt.
20.53 Uhr: die freudige Feststellung, daß der kleine Punto der kleinen Schwester ganz große 150 km/h fahren kann.
21.04 Uhr: Rauschen im Autoradio. Ich verlasse den 1Live-Sektor. Yippie yippie yeah, jetzt ist es nicht mehr weit. Den Weg kenne ich immer noch blind.
21.20 Uhr: in Rekordzeit einen Parkplatz gefunden und zum Eingang gesprintet. Die Band hat natürlich Verspätung und noch längst nicht angefangen. Dafür fällt mir Kerstin wild um den Hals. Mann, war ich lange nicht mehr hier.
21.24 Uhr: Drinnen. Hier sind aber wirklich ganz schön viele Männer. Wieso ist mir das während der fünf Jahre Studium nie so aufgefallen?
21.37 Uhr: alle alten Bekannten begrüßt, ein Kölsch in der Hand, das Timing ist perfekt: es geht los.
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21.38 Uhr: BEWEG DICH SO DASS NIEMAND WEGGUCKT – den Opener kannte ich noch gar nicht. Die dreieckigen Hüte allerdings schon, und auch die Leuchtstäbe und die Fahne und überhaupt. Ich kam schon mit dem Gedanken hierher, daß es wohl beim dritten Mal Deichkind live ein wenig an Reiz verloren haben würde, das Geschehen auf der Bühne. Und sowieso, arroganter Großstadtbewohner ich – das hier ist Aachen. Daß die Band überhaupt so viele Leute hier hereinlockt. Aber ich werde das Gefühl nicht los, daß das hier irgendwie noch mal ne andere Nummer ist als im Rio, oder auf dem Melt, oder sonst irgendwo. Unglaublich. Es ist noch nicht mal zehn Uhr, das Konzert ist noch keine zwei Songs am Laufen, und Aachen hüpft und feiert, als ob es kein Morgen gäbe.
Und trotz der frühen Uhrzeit und der Tatsache, daß in derselben Nacht noch ein Auftritt in Hamburg folgen wird, gibt das Deichkind alles. ALLES.
Irgendwann später: Als beim letzten Stück auch hier wieder das Publikum auf die Bühne stürmt und sich die Band klammheimlich aus dem Staub macht (im Übrigen der cleverste Abgang, den sie in dieser Situation wählen konnten, sonst hätte das Publikum sie wohl niemals zum Ausgang durchgelassen), schaue ich mich um und blicke nur in schwitzige und unglaublich glücklich grinsende Gesichter.
Yeah.
So schlimm kann der morgige Tag dann gar nicht mehr werden, schließlich hat sich allein für das hier die Anreise schon gelohnt.

Geschichten aus dem Niemandsland

Heute ist mir mit aller Deutlichkeit klargeworden, wieso sich so viele Kolumnenschreiber in Wochenmagazinen der überregionalen Zeitungen mit dem Thema ‚Reisen in der Deutschen Bahn‘ beschäftigen.
Es ist eine schier notwendige Strategie, um sowohl seine Nerven als auch seine gute Erziehung nicht zu verlieren. Man kann es entweder seinem Reisepartner bei einer Zigarette im BordBistro erzählen, oder, wenn man AlleinReisender ist, hackt man seinen Frust eben in die Tasten des Laptops.
Ich befinde mich gerade kurz hinter Hannover, und genieße die ersten stillen Minuten seit meiner Abreise am Lehrter Bahnhof Berliner Hauptbahnhof, da seit der letzten Umsteigemöglichkeit die überaus kommunikative Kleinfamilie vom Dreiersitz neben mir in einem anderen Zug ihre Weiterfahrt antritt.
Nach einer Fahrtzeit von etwa 7 Minuten war ich bereits kurz davor, es dem einen Ruhewagen markierenden Piktogramm über meinem Sitz gleichzutun, den rechten Zeigefinger zur Nasenspitze zu erheben und leise zu zischen ‚pschhhhhhht‘.
Es lebe die Besonnenheit- und mein gutes Buch, das es tatsächlich geschafft hat, mich von dem hirnlosen Geplapper nebenan abzulenken. Für eine Weile zumindest. Dann zeigte die Anzeigetafel kurz nach Wolfsburg (statt der in diesen unsicheren Zeiten allgegenwärtigen Dauerwarnung, doch bitte auf sein Gepäck zu achten und bei verdächtig aussehenden Koffern, die im Gang lauern und unschuldigen Reisenden ein Bein stellen, doch bitte das Zugpersonal zu verständigen) plötzlich die Fahrtgeschwindigkeit an.
Ich konnte nicht anders, mein Buch war auf einmal nur noch halb so spannend wie das Gespräch, das sich zwischen der Mutter und ihrer Tochter (der großen: schätzungsweise sechzehn, wohlgemerkt) entsponn. In Kurzform ging das so:

(Tochter) ‚Mama, guck mal, 200 Kilometer! So weit isses nur noch bis nach Köln‘
(Mutter: dreht sich um und überprüft die Anzeige – dort steht immer noch ‚200 km/h‘) ‚Stimmt. Dann haben wir die Hälfte der Strecke nach Frankfurt ja schon hinter uns‘
(Tochter) ‚Aber hast du nicht gesagt, nach Frankfurt wären es 800 Kilometer?‘
(Mutter) ‚Ja, aber das wär die Strecke mit dem Auto‘

Die Bahn sollte offensiver damit werben. ‚Mit der Bahncard 50 sind sie nach der Hälfte der Entfernung schon am Ziel‘ oder so.
Daß die Wissenschaft sich noch nicht mit dem Phänomen ‚gekrümmte Bahnstrecken in Zeit und Raum beschäftigt hat, wundert mich übrigens auch. Aber vielleicht ist da schon längst eine große Forschung im Gange, von der die Öffentlichkeit noch nichts weiß? Pschhhhhhhht, sagt das Männchen auf dem Ruhewagen-Icon zu mir. Ich glaube übrigens, es hat gerade dem Koffer da hinten zugezwinkert.

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